Die Gefahren der akademischen Freiheit

Johan Lange (Hg.), Die Gefahren der akademischen Freiheit.

Ratgeberliteratur für Studenten im Zeitalter der Aufklärung (1670-1820).

 

Artikelnummer: LGF

Kategorie: Studentengeschichte, Dissertation

Lange, Gefahren der akademischen Freiheit (LGF)

45,00 €

  • 0,72 kg
  • nur noch 1 Artikel vorhanden!
  • 1 - 3 Tage Lieferzeit1

Produktbeschreibung


Johan Lange, Die Gefahren der akademischen Freiheit.

 

Ratgeberliteratur für Studenten im Zeitalter der Aufklärung (1670-1820).

(Beihefte der Francia, Hg. vom Deutschen Historischen Institut in Paris, Bd. 84).

Ostfildern (Jan Thorbecke Verlag) 2017, ISBN 9-783799574-7-54.

340 Seiten, 17 x 24 cm, Festeinband.

 

 

Wenn sich junge Menschen in unserer heutigen Gesellschaft für ein Studium entscheiden ist damit in der Regel die Hoffnung verbunden, mit dem Erwerb eines akademischen Titels die Karriere entscheidend voranzubringen und am sozialen Aufstieg teilzuhaben. Jedoch nicht immer verläuft das Studium dann wie geplant, eine nicht allzu kleine Minderheit der Studierenden bricht das Studium ohne Abschluss ab, nicht selten nach jahrelangen Sinnkrisen, und manch einer wünscht sich, die vergangenen Jahre anders – besser – genutzt zu haben.

 

Dass dies keine Entwicklung unserer Zeit ist, sondern schon im 18. Jahrhundert vielen Zeitgenossen ähnlich erging, darauf hat Johan Lange in einer im Jahr 2017 vorgelegten Dissertation über die Ratgeberliteratur des 18. Jahrhunderts hingewiesen und herausgearbeitet, wie in den Augen der Zeitgenossen die Idealvorstellungen des richtigen Studierens aussahen und woran die Studenten häufig scheiterten.

 

Lange bringt zu Beginn das Beispiel Christian Laukhards, der an der Universität Halle den Magistergrad erworben hat und aus Verzweiflung darüber, keine Anstellung mit regelmäßigem Einkommen zu erhalten, sich als Soldat des preußischen Königs verpflichtete. Laukhard habe sich für ein Leben in Unselbständigkeit am unteren Rand der Gesellschaft entschieden und galt gesellschaftlich als gescheitert.

 

Bekannt ist uns das Schicksal Laukhards aus seiner vorgelegten Autobiographie von 1792, in die er seine Fehler und die Rahmenbedingungen seines Scheiterns zu erklären versucht. Seine Autobiographie verstand er als Warnung und Ratgeber an künftige Studierende und deren Eltern und sie wurde so auch aufgefasst. Sie steht damit in einer Reihe von zahlreichen Ratgebertexten, die ab den 1670er Jahren erschienen und die jungen Studenten auf die Gefahren während des Studiums vorbereiteten. Weil die Ratgeberliteratur fast ausschließlich ein Phänomen der deutschen protestantischen Universitäten war, untersucht der Verfasser zunächst deren Strukturmerkmale als Voraussetzung für die Ratgeberliteratur der Studenten. Lange führt aus, dass die Studenten an den deutschen protestantischen Universitäten einen außergewöhnlich hohen Grad an Autonomie genossen. Er verweist auf die akademische Gerichtsbarkeit, die die Mitglieder der Universitäten von den unter städtischer Gerichtsbarkeit stehenden Bürgern unterschied und in gewisser Weise auch vor diesen schützte. Das akademische Gericht, vertreten in der Regel durch den Rektor der Universität und einige Professoren als Beisitzer, verstand sich eher als Ermahnungs- und Disziplinierungsinstanz mit väterlicher Aufsichtsfunktion denn als Strafgericht für die meistens minderjährigen Studenten, und die verhängten Strafen wurden als sehr milde aufgefasst. Zudem kannte die Universität des 18. Jahrhunderts keine wirkliche Lernkontrolle. Nach zwei bis drei Jahren verließen die Studenten die Universität in der Regel ohne sich einer Prüfung unterzogen zu haben. Nur eine Minderheit unter ihnen strebte einen akademischen Abschluss an bzw. es wurde sogar davor abgeraten, da er für manche Ämter hinderlich sein könne; und wer doch die Promotion anstrebte, konnte diese relativ leicht durch die Anfertigung einer schriftlichen Arbeit, die Dissertation erreichen, die zudem häufig käuflich erworben wurde. Die Kenntnisse wurden im Allgemeinen nicht an der Universität abgefragt, sondern erst hinterher bei der Bewerbung um ein Amt, und da zeigte sich häufig, dass die Bewerber den Anforderungen nicht genügten. Der Student war eben ein junger, früh vom Elternhaus getrennter und der väterlichen Kontrolle entflohener junger Mann, der aber mit erheblichen Geldmitteln ausgestattet war. Dies barg die Gefahr in sich, es mit dem Studium nicht allzu ernst zu nehmen, intellektuell zu scheitern und den Schaden erst nach Ende des Studiums zu bemerken. Die Selbstverantwortlichkeit und der Fleiß des Studenten gehörten in den Augen der Intelligenz aber zum Prozess der moralischen Reifung. 

 

Die Ratgeberliteratur war literarisch recht variantenreich, doch laut Lange lassen sich fünf Textgattungen definieren, denen man die Texte zuordnen kann und die er ausführlich vorstellt. Gemeinsam ist ihnen das Ziel, den Studenten zur Selbstdisziplin verpflichten zu wollen. Da die Universität als ein gefährlicher Ort angesehen wurde, warnten die Autoren der Ratgeberschriften vor einem sündhaften Studienverhalten. Die Empfehlungen beinhalteten alle Themen, mit denen sich der junge Mensch konfrontiert sah. Dies betraf praktische Fragen wie die Wahl der richtigen Universität oder wie man als Student sinnvoll haushalten sollte. Einen Großteil machte jedoch die Warnung vor den Gefahren während des Studiums aus. Dazu zählten insbesondere der Umgang mit „falschen“ Freunden und dem weiblichen Geschlecht, eine Mitgliedschaft in einem Studentenorden sowie allgemein eine unangemessene Freizeitgestaltung. Die daraus resultierenden Ablenkungen konnten den Studienerfolg gefährden und ins Elend führen. Es gab deshalb häufig auch konkrete Ratschläge, wie man diese Gefahren umschiffen konnte. Es ging den Verfassern der Ratgebertexte vorrangig um das richtige moralische Sozialverhalten als Student; inhaltliche Aspekte der Gestaltung des Studiums spielten dagegen kaum eine Rolle.

 

Schließlich widmet sich die Dissertation dem inhaltlichen Wandel der Ratgeberliteratur gegen Ende des 18. Jahr-hunderts und seinem allmählichen Verschwinden im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Die studentische Lebensführung verschwand nach 1800 fast völlig aus den Schriften und stattdessen rückte die Effizienz im Wissenserwerb in den Vordergrund. Der Autor erörtert deshalb, ob sich das Sozialverhalten der akademischen Jugend verändert hat und zieht dabei auch andere Quellen wie vor allem studentische Stammbücher hinzu. Er kann darin Hinweise einer Zivilisierung der studentischen Standeskultur ausfindig machen. Als Ursache führt er den einsetzenden Reformdiskurs an den Universitäten an. Da diese sowohl für die mangelhafte fachliche Berufsausbildung als auch für studentische Exzesse verantwortlich gemacht wurden, wurde Fehlverhalten seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts mit der Kooperation zwischen städtischer Polizei und akademischert Gerichtsbarkeit stärker sanktioniert und der Einfluss der Landsmannschaften zurückgedrängt. Auch erfassten die Universitäten nun ihre Studenten über Logisverzeichnisse und Immatrikulationsdaten. Die Zahl der Normverletzungen oder Gewaltexzesse ging zurück.

 

Es ist das Verdienst Langes, mit seiner Dissertation die Ratgeberliteratur einer umfassenden Analyse unterzogen und damit zu einem besseren Verständnis der Universitätsgeschichte beigetragen zu haben, da die Ratgeberliteratur als Quellengattung noch nicht systematisch von der historischen Forschung aufgearbeitet worden war. Da die Elite des protestantischen Deutschland im 18. Jahrhundert größtenteils studiert hat, wird deren Handeln verständlicher, wenn wir erfassen, durch welche Diskurse diese Elite in jungen Jahren geprägt worden ist. Zudem spiegeln sich in der Ratgeberliteratur die moralischen und ideengeschichtlichen Einstellungen der Zeit wieder und sie begleiten den Diskurs um Veränderungen an den Universitäten.

Carsten Müller