Offenbach, Fantasio & Der Ehemann vor der Tür

Jaques Offenbach, Fantasio & Der Ehemann vor der Tür

Musik-CD, ADD, 2 Gesamtaufnahmen.

 

Artikelnummer: OFE

Kategorie: Operette

Offenbach, Fantasio & Der Ehemann vor der Tür (OFE)

17,05 €

  • 0,12 kg
  • verfügbar
  • 1 - 3 Tage Lieferzeit1

Produktinformation


Jaques Offenbach, Fantasio & Der Ehemann vor der Tür

 

Kommt man in Zusammenhang mit studentischer Musik auf Jacques Offenbach (1819–1880) zu sprechen, so erklingen natürlich „Les contes d’Hoffmann“ (Hoffmanns Erzählungen) vor dem geistigen Ohr (siehe SK 3/2011, S. 16 f), dessen Studentenszenen in der deutschen Fassung dem korporativen Comment recht nahe gerückt wurden. Doch hat der Kölner Meister auf dem Pariser Parkett noch ein weiteres Werk präsentiert, das einen Studenten als Protagonisten hat. Es ist der „Fantasio“, den der Schweizer Romanist Hermann Hofer in dem Mammutwerk „Musik in Geschichte und Gegenwart“ in einem Atemzug mit „Hoffmanns Erzählungen“ als „Meisterwerk der Opera comique“ hervorhebt.

Durchaus „offenbachisch“ – also kompliziert – ist seine Entstehungs-geschichte: Die Vorlage bot ein Stück von Alfred de Musset (1810–1857) aus dem Jahr 1834, das der Autor selbst als Lesedrama verstand, das also nicht für eine Darstellung auf der Bühne gedacht war. Die Geschichte entnahm er aber einem Prosatext eines berühmten Vorgängers, den „Lebensansichten des Katers Murr“ des E.T.A. Hoffmann (1776–1822). Diese Satire, die erzwungene Verbindung einer schönen Prinzessin mit einem dämlichen Potentaten, hatte einen realen zeitgeschichtlichen Hintergrund: die 1832 geschlossene Ehe der jugendlichen Louise d’Orleans mit dem mehr als doppelt so alten Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha, an dessen Seite sie Königin der Belgier wurde. Zwar meint man zu wissen, dass die Verbindung der beiden auch von Seiten der Braut durchaus eine Liebesheirat war, aber Musset sah darin eine dynastische Zweckheirat und damit Futter für seinen Spott. Seine verklausulierte Persiflage kam über einen Umweg doch noch auf die Bühne. Georg Büchner (1813–1837) gewann daran Vergnügen und nützte sie für sein satirisch-romantisches Lustspiel „Leonce und Lena“ von 1836, wobei er Textpassagen Mussets teils wörtlich übernahm. Bis zur posthumen Uraufführung sollten allerdings noch 60 Jahre vergehen.

Inzwischen war längst Offenbach auf den Plan getreten. Trotz bislang geringer Erfolge an der Pariser Opéra Comique erhielt er 1869 von diesem Haus den Auftrag, eine Oper nach Mussets „Fantasio“ zu schreiben, wobei der Vertrag auch vorsah, dass als Librettist Mussets Bruder Paul (1804–1880) zu agieren habe. Der hatte schon 1866 eine Bühnenfassung des Werkes vorgelegt, die sich jedoch von der Urfassung seines Bruders kaum unterschied. Auch das nun entstehende Libretto gewann nicht sonderlich an dramatischer Pointierung, sondern litt an der Neigung, lebendiges Geschehen eher zu berichten als zu zeigen. Verse wurden eingefügt, die Liebesgeschichte zwecks eingefügter Duette betont und ein versöhnlicher Schluss formuliert. Offenbach beendete die Komposition im Mai 1870, doch verhinderte der Ausbruch des deutsch-französischen Krieges im Juli die Fortsetzung der Proben. Erst im Herbst 1871 wurden sie wieder aufgenommen, wobei es zu einer Umarbeitung der Schlussszene durch den jüngeren Alexandre Dumas (1824–1895) kam. Überhaupt scheinen die Eingriffe während der Probenzeit gravierend gewesen zu sein, denn die von der Zensurbehörde genehmigte Fassung weicht empfindlich von jener der Uraufführung ab. Das Werk hatte also eine ganze Reihe prominenter Väter, als es am 18. Januar 1872 endlich zur Premiere kam – übrigens nur drei Tage nach dem zeitgleich entstandenen, heute viel bekannteren „Le roi Carotte“ (König Mohrrübe/Karotte), der am Théâtre de la Gaîté herauskam und unlängst wieder an der Wiener Volksoper inszeniert wurde.

Während es dieser zu einem Riesen-erfolg brachte, blieb der des „Fantasio“ verhalten. Offenbar hatten auch die mehrfachen Bearbeitungen den Mangel an Bühnentauglichkeit nicht beseitigen können. Dazu kam die nach der französischen Niederlage gereizte Stimmung in der Gesellschaft, die wenig zur pazifistischen Tendenz der Oper passte. Zwar gewann Offenbachs Musik Anerkennung, ja sogar Bewunderung seitens der Fachkritik, dennoch bedeutete die Absetzung des Werkes nach nur zehn Aufführungen einen der krassesten Misserfolge seiner Karriere. Populär wurde das Werk nie. Auch nicht in Wien, wo es einen Monat später über die Bühne ging und dafür – wieder ein typisch offenbach’scher Vorgang – neuerlich szenisch und musikalisch umgearbeitet wurde. Immerhin konnte es sich dort für 27 Abende halten.

Die Handlung spielt in München in einer nicht näher definierten Zeit. Der König will seine blühende Tochter mit dem Fürsten von Mantua verheiraten, um dem Staatsbankrott vorzubeugen und einen drohenden Krieg zu vermeiden. Der verbummelte Student Fantasio, verbummelt und verschuldet, verliebt sich in die Schöne und verschafft sich in der Maske des Hofnarren Zugang ins Schloss. Auch der anreisende Bräutigam treibt ein Verkleidungsspiel: Er wechselt die Rollen mit seinem Adjutanten, um der ahnungslosen Braut unerkannt gegenüber zu treten. Natürlich verliebt auch er sich in die Prinzessin. Noch vor der Hochzeitszeremonie macht der als Narr getarnte Student den für den Prinzen gehaltenen Adjutanten öffentlich lächerlich und wird dafür verhaftet. Mit Hilfe der Angebeteten gelingt aber bald die Flucht aus dem Kerker. Als nun die Studenten zum Krieg aufrufen, wählt das Volk Fantasio zum Anführer, der aber hält eine flammende Rede für den Frieden und wird letztlich von beiden Herrschern in den Adelsstand erhoben.

Das Studentische geschieht also – wie später beim „Hoffmann“ – allein in der Rahmenhandlung: Studenten auf den Straßen, die im ersten Akt das königliche Freibier genießen und im letzten nach Kampf schreien, um dann den Frieden zu preisen. Fantasio selbst, der blasierte Oberstudent, erweist sich bei alledem als geschickter Taktiker. Ob er die Prinzessin letztlich bekommt? Nun, als er ihr am Ende den im Gefängnis zugesteckten Gartenschlüssel zurückgeben möchte, fordert sie ihn auf, ihn zu behalten …

Die Titelrolle war anfangs für einen Tenor konzipiert, wurde aber schon für die Uraufführung zur Hosenrolle. Dort sang sie die Mezzosopranistin Célestine Galli-Marié (1840–1905), die drei Jahre später als Bizets erste Carmen brillierte. Für Wien wurde die Partie in die Sopranlage transponiert und damit zur Paraderolle für die berühmte Marie Geistinger (1836–1903), die 1874 zur ersten Rosalinde in Johann Strauss’ „Fledermaus“ wurde. Erst 1994 wurde der Student wieder in seinen tenoralen Urzustand zurück versetzt (eigentlich ganz gegen den gegenderten Zeitgeist!).

Ein interessantes Detail ist übrigens, dass das Werk Eduard Hanslick (1825–1904) gewidmet ist, dem gnadenlosen Wiener Kritikerpapst, der Offenbach sehr zugetan war und ihm in Wien den Boden bereitet hat, dabei aber durchaus – etwa 1866 beim „Barbe-Bleue“ (Blaubart) – auch ablehnende Töne anzuschlagen wusste. 

Die weitere Rezeptionsgeschichte ist dürftig. Nur drei weitere Produktionen sind im 19. Jh. dokumentiert, nicht viel mehr sind es im 20., und die liegen um Jahrzehnte auseinander. Erst langsam kehrt das Interesse an der musikalisch qualitätvollen Rarität wieder. Seit der Jahrtausendwende kam es zu zwei weiteren Inszenierungen und zwei konzertanten Aufführungen. Und der französische Musikologe und Dirigent Jean-Christophe Keck (* 1964), der sich auf Offenbach spezialisiert hat, erarbeitete auf Grundlage jahrelang gesammelter und recherchierter Partiturrudimente eine an der Urfassung – also jener von 1870 – orientierte Neufassung, die im Dezember 2014 am Staatstheater Karlsruhe zur Uraufführung gelangte. Zuletzt erzielte 2017 die Genfer Oper mit dem Werk einen szenischen und musikalischen Erfolg.

Operngeschichtlich ist der „Fantasio“ ein Zwischenwerk. Ganz anders als beim Karottenkönig, der eine echte „Offenbachiade“ ist, also totales Theater, gesellschaftskritisch und satirisch, Wort, Musik, Tanz und Mimik in hoher Perfektion verbindend, bemühte sich der Komponist hier um einen anderen, eher lyrischen Grundton und überzeugt durch feine, zarte, poetische Töne. Auch wenn dieser Versuch bislang ohne breite Akzeptanz blieb, weist er doch den Weg zum großen Schwanengesang des „Hoffmann“.

 

aus: SK 2020/2-3